Stefan-George-Gymnasium
Bingen am Rhein
22.12.2014

 

Manifest

Adrian Müller-Achenbach
Joshua Naumann
Abiturienten der Schule

 

 

 

Sehr geehrte Schulleitung,

 

wir sorgen uns um die Zukunft der Schulen und haben eine Vision.

 

Auf dem föderalen Flickenteppich der Bildungspolitik wird an Kartenhäusern herumgebastelt, die nach und nach wieder in sich zusammenfallen und permanentes Reformchaos mit sich bringen. Das Fundament des derzeitigen Schulsystems ist marode, unsäglich veraltet und ein Relikt aus dem alten Preußen, das auf Realitäten eines anderen Zeitalters fußt und deshalb in seiner jetzigen Verfassung den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts (Klimawandel, demografischer Wandel, Rivalität um Ressourcen, Ansturm auf den quartären Sektor, etc.) nicht länger standhalten kann.

 

Faktenwissen ist im digitalen Zeitalter per Mausklick abrufbar und darf deshalb nicht länger konzeptlos in die Köpfe der Schülerinnen und Schüler gehämmert werden.
Gleichwohl ist es zum Verständnis gesellschaftsrelevanter Themenkomplexe und globaler Zusammenhänge unabdingbar, entscheidend jedoch ist, dessen Quantität zu Gunsten der Qualität drastisch zu reduzieren.
Gerade deshalb darf zur Reproduktion aus-wendig gelerntes Faktenwissen, welches nach der anstehenden Klausur getrost wieder vergessen wird, nicht länger mit guten Noten belohnt/honoriert werden. Auch hier gelten die Redensarten: "weniger ist mehr" und “das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile".

 

Bildung - als “das Ganze“ betrachtet - ist das, was übrig bleibt, wenn man sämtliches Wissen abzieht, nämlich: die Fähigkeit mithilfe der Intelligenz, Informationen zusammenhängend zu verknüpfen, themenübergreifend zu verstehen, kritisch zu beleuchten und qualitativ zu selektieren.

 

Schule muss wieder mehr auf das Leben und die Welt danach vorbereiten, anstatt Spaß und Emotionalität, Begeisterungsfähigkeit und kindliche Neugier, Kreativität und Originalität sowie (intrinsische) Motivation und Innovativität in einem weltfremden Vakuum voller realitätsferner und überfrachteter Lehrpläne zu ersticken.

 

Wieso dürfen Kinder nicht Kind sein?
Wieso werden sie im freizeitraubenden System Schule zu anpassungsfähigen, unauffälligen und systemkonformen VERMEINTLICHEN "Alleskönnern“ gemacht, die mit dem Strom der Masse einem bereits vorgezeichneten Lebensentwurf folgen?
re es nicht allerhöchste Zeit, sich der Schulstrukturen aus dem Zeitgeist vergangener Jahrhunderte, die sich ursprünglich durch die Anforderungen des Tayloristischen Systems rechtfertigen ließen, endgültig zu entledigen?

 

Im Mittelpunkt der Schule von heute muss stehen, Weltzusammenhänge und deren Herausforderungen verstehen zu lernen, und SchülerInnen eine gesamtheitliche Vielfalt an Kompetenzen mit auf den späteren Weg zu geben: soziale Kompetenz, Kommunikationsfähigkeit, Konfliktlösung und Frustrationstoleranz, Durchsetzungsvermögen, Selbstkompetenz sowie Sach- und Fachkompetenz sind von elementarer Bedeutung, um möglichst jedem Schulabgänger die Chance zu gewähren, sich, gegen den Strom schwimmend und den eigenen Lebensentwurf zeichnend, in der Welt zurecht zu finden.

 

Unterricht, der diese Fähigkeiten und Kompetenzen zu vermitteln vermag, erfordert ein freiheitliches Lernen, Gruppenarbeit und Teamfähigkeit und schafft damit unweigerlich Raum zur Individuellen Persönlichkeits- und Potenzialentfaltung sowie zur Interessen- und Meinungsartikulation.

 

Nur so können sich Kinder und Jugendliche nachhaltig wirksam mit einem Thema auseinandersetzen und lernen, einen Standpunkt zu vertreten und argumentativ zu untermauern. Oktroyierter Lernstoff beraubt uns stattdessen jeglicher Freiheit.

 

Schule von heute erfordert deshalb, Diskutieren in den Mittelpunkt des schulischen Alltags zu stellen, um Kinder hervorzubringen, die zu vielem befähigt sind, weil sie gerne lernen, weil sie sich selbst etwas beibringen können, weil sie die kindliche Neugier bewahrt haben und weil sie ein hohes Maß an Flexibilität und Teamfähigkeit haben. Anders können Potenziale weder entdeckt noch hinreichend gefördert werden.

 

Außerdem: Warum wird nicht fächerübergreifend unterrichtet, um Zusammenhänge besser zu verstehen?
Wenn sprachliche und gesellschaftswissenschaftliche bzw. mathematische und naturwissenschaftliche Fächer weiterhin völlig unabhängig voneinander unterrichtet werden, kann sich im Kopf kein Netz schlüssiger Verstehenszusammenhänge ausbreiten.
Noch immer denken wir in Schubladen und Fächern.

 

Gibt es in der wirklichen Welt etwa Fächer?
Warum wird nicht jahrgangsübergreifend unterrichtet, dem jeweiligen Leistungsstand entsprechend?
Noch immer sitzen Im Mathematik-Unterricht drei Überflieger, die bereits anfangen könnten, Mathe zu studieren; ein Mittel, welches sich mit Krampf und Mühe durchbeißt; und ein unteres Drittel, das stets hinterherhinkt. Weshalb wird noch im 21. Jahrhundert unablässig in sturen 45-Minuten-Taktungen frontal unterrichtet, obwohl dies dem derzeitigen Stand pädagogischer Erkenntnisse nicht mehr gemäß Ist?
Es gibt sowohl Projekte oder Themengebiete, die zeitlich eine deutlich längere Behandlung erfordern, als auch solche, die ein derart hohes Maß an Konzentration verlangen, dass die Aufmerksamkeitsspanne nach 45 Minuten längst überschritten ist.

 

Darüber hinaus gründet das derzeitige Zensuren- und Notensystem auf einem Menschenbild, welches der heutigen hoch individualisierten Welt schon lange nicht mehr Genüge leistet. Natürlich brauchen Lehrer eine Art Indikator, um Rückschlüsse auf den Leistungsstand des Kindes ziehen zu können, genauso wie Schülerinnen und Schüler Noten als Rückmeldung für Ihre Leistung brauchen.

 

Doch wie so oft wird das entscheidende “Wie?" zur Handhabung dieses Indikators ausgeblendet.
Primär fördern Noten "Bulimielernen" sowie stures Auswendiglernen und zerstören somit jegliche Freiheit und Kreativität. Des Weiteren scheint es eine untragbare Zumutung an Lehrer, jeden einzelnen Schüler in einen fortwährenden vergleichenden Bewertungszusammenhang stellen zu müssen und gleichermaßen eine unerträgliche Zumutung an Schüler, dies tagtäglich über sich ergehen lassen zu müssen. Noten müssten zu einem späteren Zeitpunkt eingeführt werden und die obig genannten Kompetenzen stärker berücksichtigen. Hinzukommt, dass durch extrinsische Anreize oder Belohnungen in Form von Noten, Urkunden etc. Kindern schrittweise die schönste Gattung der Motivation - nämlich die intrinsische - ausgetrieben wird. Ein Schulsystem, das seine Schülerinnen und Schüler mit der Aussicht auf gute Noten belohnt (bestraft), entwertet die Lust am Lernen zu einem Mittel zum Zweck, welches dem wirklichen Lernprozess den Riegel vorschiebt.

 

Wir alle sind uns bewusst, dass die Aufgaben, vor denen wir stehen und denen wir uns gemeinsam stellen wollen, keine leichten sind und viel Zeit und Kraft erfordern.
Trotzdem können wir die Notwendigkeit, aufzubrechen, unsere Schule und das Schulsystem insgesamt zukunftsfähig zu machen, nicht länger verleugnen.
Das bedeutet, dass wir als starke Schulgemeinschaft alle Betroffenen einbinden müssen. Angefangen bei den Schülerinnen und Schülern, über deren Eltern, die Lehrerinnen und Lehrer, bis hin zur Schulleitung.

 

Wir sind voller Zuversicht und Hoffnung, dass es uns, wenn wir es denn wollen, gelingen wird, zeitgemäße und effektive Bildung an unserer Schule zu vermitteln.
Handlungsbedarf besteht, das liegt auf der Hand und wird nicht zuletzt von namhaften Neurobiologen, Philosophen und Pädagogen gefordert. Das macht auch uns, die wir tagtäglich die Notwendigkeit tiefgreifender Veränderungen am eigenen Leibe erfahren, - hier vor Ort - Mut für den Weg, auf den wir uns mit allen begeben wollen. Die Zeit für Veränderungen und den Aufbruch in Richtung Zukunft ist überreif, sie bietet auch alle Chancen, einen Umbruch zu wagen. Deshalb wollen wir gemeinsam erreichen, dass das SGG "Schule der Zukunft" wird.

 

Kinder dürfen nicht länger belehrt und ausgebildet werden, wir müssen sie umfassend bilden und zum Selbstdenken ermutigen, sodass sie in Freiheit erfahren, was es heißt, gebildet zu sein.
Wir müssen
uns als Schüler bewusst sein, dass wir Träger und Leidtragende - quasi “Leidträger“ - des Systems sind.
Wir müssen Mut haben, zu träumen, zu handeln und unsere Zukunft zu gestalten. Schluss mit der Utopielosigkeit, der Zukunftsvergessenheit und der Entmächtigungsrhetorik!

 

Wir müssen endlich Utopien, Fensterblicke und Zukunftsperspektiven wahr-träumen. Nur so kann der Spagat zwischen der Poesie des Herzens und der Prosa der Verhältnisse gelingen.
Wir müssen
“Nein" sagen und revoltieren - jetzt oder nie!

 

Adrian Müller-Achenbach 

Joshua Naumann


Wir danken den Verfassern für die Genehmigung zur Veröffentlichung auf unserer Homepage.

 


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