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Was ist Bulemie-Lernen ?

„Ich muss mal wieder bulimielernen, damit ich den Lernstoff morgen in der Prüfung drauf hab“ steht als Beispiel im Duden zum Szenenwort Bulimielernen: Zur Bedeutung meint der Duden: „Lernen einer grossen Stoffmenge am letzten Tag vor einer Prüfung, so dass man diese höchstens in der Prüfung noch weiss und danach absolut vergessen hat. Oder anders formuliert: reinfuttern, ausspucken, vergessen.

 

Reinhard Kahls Kolumne aus: Pädagogik 03'08

G-8: Statusangst und
Bulemie-Lernen

 

Geht es im G-8-Streit tatsächlich um acht oder neun Jahre Gymnasium? Wird jetzt der noch zumutbare Quotient aus Lernstoff und Zeitressourcen neu errechnet? Mit solchen Fragen sitzt man schon in der Falle. Hinter der jüngsten Erregung um die Schulzeit steckt vor allem Angst in den Familien. Die Kinder haben die erste große Karrierehürde nach der vierten Klasse genommen und finden sich nun in einer freudlosen und zumeist unpädagogischen Schule, in der ihnen die Lust am Lernen, an der Welt und häufig sogar an sich selbst vergeht. Unsicherheit breitet sich ohnehin in vielen Familien aus. Gewiss, die Welt war immer unsicher, aber nur noch wenige können sich heute einbilden, dass es sie selbst und ihren Clan nicht trifft. Und es fehlen Gegengewichte. Neu allerdings ist, dass über diese Angst öffentlich gesprochen wird. Fernsehmoderator Reinhold Beckmann hat damit begonnen, eher versehentlich, als CDU-Altpolitiker Biedenkopf in seiner Talkshow die Segnungen des Abiturs nach zwölf Schuljahren pries. Da konnte der Moderator seine Wut nicht mehr zurückhalten. »Tägliche Wahnsinns-Lernprogramme«, nannte er die Stundenpläne seiner zehnjährigen Tochter und des vierzehnjährigen Sohnes. Kurz darauf die Schlagzeilen:

Stress

»So macht die Schule unsere Kinder kaputt« (Bild) und »Hände weg von unserer Kindheit!« (FAZ) Auf den Spielplätzen und in der U-Bahn, überall dieses Thema: Das Gymnasium wird unerträglich. Beckmann rechnete vor: An zwei Tagen geht die Schule bis 16 Uhr. Die beiden letzten Stunden an einem dieser Tage sogar als Mathe-Doppelstunde. Und dann noch Hausaufgaben. Und Nachhilfe. Freizeit? Eltern haben Angst, dass die Kinder das nicht durchhalten. Schaffen sie das Gymnasium? Wie überlebt die Familie den Druck? Und wo bleibt das Leben? 80 Prozent der Eltern, die Beckmann kennt, organisieren Nachhilfe. Man kann annehmen, dass dort die pädagogische Task-Force, zur Not auch am Wochenende, nicht am Geld scheitert. Aber Zeit ist nicht vermehrbar. 35 Prozent aller Kinder, so eine repräsentative Befragung der Deutschen Angestellten Krankenkasse, bekommen Nachhilfe. Um die drei Milliarden Euro im Jahr gehen in Deutschland dafür drauf. Damit könnte man auch gute Ganztagsschulen finanzieren. Das Problem, das mit G 8 nun einen Namen bekommen hat, ist die grassierende Lern-Bulimie in den Schulen. Dieses Memorieren und Vergessen. Der Mangel an Nachhaltigkeit. Unerträgliches, häufig bloß taktisches Lernen. Und vor allem die geringe Wirksamkeit.

6 Wochen Frist

Wie kommt man aus diesem Schlamassel heraus? Wie wäre es, wenn man in den Schulen nur eine einzige Sache ändert. Mehr erst mal nicht. Ab sofort wird keine Klassenarbeit, keine Klausur, kein Test mehr über ein Thema geschrieben, das in den letzten sechs Wochen durchgenommen wurde. Besser noch wäre die Frist auf drei Monate zu verlängern. Schulen könnten Ansehen erwerben, wenn sie die Frist noch weiter ausdehnen. Wenn man dieses Gebot zum Prüfen nachhaltigen Lernens ernst nähme, was müsste man dann alles beachten? Das sollten die Schulen selbst entscheiden. Und zwar jede einzeln und alle im Austausch untereinander. Schnell würde man entdecken, was eigentlich jeder weiß: Es bleibt nur Wissen, das an Vorwissen anknüpft, das auf Fragen antwortet und mit Ideen oder Handlungen verbunden wird. Anderes wird vom Gehirn nicht in seine Schatzkammer, das Langzeitgedächtnis gelassen. Und jeder weiß auch, dass es keine Anstrengung ohne Entspannung gibt. Gute Schulen, es sind viel zu wenige, rhythmisieren den Tag. Sie müssen sich über die Leistungen der Schüler keine Sorgen machen. Heute entdeckt zum Beispiel Google, dass die Produktivität des Unternehmens wächst, wenn die Mitarbeiter 20 Prozent ihrer Zeit im Betrieb für eigene Projekte zur Verfügung haben.

Die beiden Gründer von Google waren übrigens auf einer Montessori-Schule. Würde man Schüler, hätten sie 20 Prozent ihrer Zeit für eigene Projekte, nicht dazu erziehen, tatsächlich etwas zu wollen und die Schule nicht nach 12 oder 13 Jahren zu verlassen wie Landsknechte eine aufgelöste Armee?

Stoff?

Würden solche Schulen nicht viel mehr erreichen, als die mit lauter Fächern, Stoff, Hausaufgaben und Angst überfüllten? Mit dem »Stoff« kommt in einer Welt, in der nichts so schnell vermehrt wird wie Wissen, sowieso niemand mehr durch. Das Wort sollte man getrost den Dealern überlassen.

Für die Universitäten gilt Ähnliches, zumal unter Bachelor und Master Vorzeichen. Vor ein paar Jahren hat der Berliner Hochschuldidaktiker Carl-Helmut Wagemann ausgerechnet, dass ein Student, etwa im Maschinenbau, wollte er alle Auflagen seiner Studienpläne erfüllen, auf einen 28-Stunden-Tag käme. Wer unter solcher Anspannung lernt, wird willenlos und schlaff. Das sind junge Menschen, die nach 12 oder 13 Jahren Schule nicht wissen, was sie wollen, wer sie sind und wofür sie sich interessieren. An früh Erschlaffte muss Beckmann wohl gedacht haben, als er wetterte, das Ergebnis dieser Schule, die seine Kinder erleiden, seien Dreißigjährige mit Burnout-Syndrom.

P.S.

»Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Fackeln, die entzündet werden wollen.« Diese Unterscheidung wird bereits dem antiken Philosophen Heraklit zugeschrieben. Verbürgt ist der Satz beim Dichter François Rabelais, ein Renaissancemensch, der auch Arzt und Priester war. ...


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