Beruf Lehrer


Länge: 90 Minuten 

Film von Thomas Schadt und Wilma Pradetto 

ARD - 23.08.2006 - 23:15 Uhr

Wiederholung am 25.09.2006 in SWR3


Mit dem Dokumentarfilm "Beruf Lehrer" schildern die Autoren Wilma Pradetto und Thomas Schadt Alltag an einer ganz normalen Schule in Deutschland. An der Tulla-Realschule in Mannheim unterrichten 50 Lehrer 800 Schüler aus allen Schichten unserer Gesellschaft.


Im Mittelpunkt des Films stehen sechs Lehrerinnen und Lehrer. Einige stehen am Anfang ihres Berufslebens, andere unterrichten bereits seit 30 Jahren. Die Kamera begleitet sie auf ihrem Weg vom Lehrerzimmer in die Klassenzimmer, zeigt sie bei ihrer Arbeit im Unterricht, in den Pausen, bei Noten- und Lehrerkonferenzen, sowie bei Konfliktgesprächen mit Schülern.


Sie alle erzählen sehr persönlich von ihrem Beruf: Wie es sich mit dem schlechten Lehrerimage lebt, wie man sich fit macht für den täglichen Auftritt vor den Schülern, wie man sich Respekt verschafft. Sie erzählen vom Umgang mit Konflikten, Ängsten und Überforderungen, den alltäglichen schulischen Ereignissen und Abläufen.


Der Film macht deutlich, wie sich Lehrer unter dem Eindruck der PISA-Studien, bei stetig zunehmendem Konfliktpotenzial an den Schulen und angesichts unterschiedlicher gesellschaftlicher Wirklichkeiten den Herausforderungen ihres Berufs stellen. Der Zuschauer erfährt nicht nur von den intensiven alltäglichen Arbeitsbelastungen eines in der Öffentlichkeit oft unterschätzten und mit Klischees behafteten Berufes, sondern erhält darüber hinaus eine Vorstellung davon, wie schnell und aus welchen Gründen aus einer Vielzahl scheinbar kleiner Konfliktsituation jene Gewaltbereitschaft entstehen kann, die die derzeitige Diskussion über Schulen in Deutschland beherrscht.


Lehrer: Über kaum eine Berufsgruppe wird derzeit so kontrovers diskutiert. Und nur wenig gestaltet sich momentan so schwierig wie das Beziehungsdreieck Lehrer, Schüler und Eltern. Denn wirklich jeder hat individuelle Erfahrungen mit ihnen gemacht. Jeder hat diese Erlebnisse positiv oder negativ verarbeitet, wurde mehr oder weniger stark von ihnen geprägt. Deshalb wird ein Film über Lehrer und Schule immer ambivalente Gefühle auslösen. 

Berliner Zeitung, 23.08.2006

<typohead type="3">Um Mitternacht</typohead>

<typohead type="4">Eine großartige Schulreportage wird von der ARD ins Spätprogramm abgeschoben. Das hat Methode</typohead>

André Mielke

 

Angenommen, bewaffnete Hauptschüler überwältigten eines Morgens ihre Lehrerschaft, legten sie in Eisen und verlangten hitzefrei ab zehn Grad. Andernfalls müssten die Geiseln schulspeisungskübelweise Blutwurst verzehren. Erste Frage: Was passierte dann bei der ARD?

 

Sie würden einen "Brennpunkt" ins Programm schieben. Klare Sache. Gleich nach der "Tagesschau", mit Live-Schaltungen zu desorientierten Reportern, panisch mobilgemachten Experten und einem Studio-Moderator, der fragt, ob die Jugend noch zu retten sei.

 

Und nun gehen wir mal davon aus, dass zwei gestandene Dokumentarfilmer sich ausgiebig in einer Mannheimer Realschule umgesehen haben. Einer gewöhnlichen Schule, die noch nicht bundesweit in den Schlagzeilen war. Sie unterhielten sich dort ausführlich mit den Lehrern über deren Hoffnungen und Nöte. Sie beobachteten sie und die Schüler wochenlang mit der Kamera: im Unterricht, in der Pause, bei der "Streitschlichtung".

 

Sie machten einen abendfüllenden Film daraus. Einen Film, der ohne jeden, geschweige denn reißerischen Kommentar zusammenfasst, was Lehrer heute zu leisten haben, wozu sie in der Lage sind und wozu nicht. Ein Film, der das Schulwesen beeindruckender und gültiger beschreibt als die meisten Beiträge aus der Rütli-Hysterie. Ein Film, den jeder Bildungsdiskutant unbedingt sehen sollte. Zweite Frage: Wo landet ein solcher Film im Programm?

 

Nun, das Erste zeigt "Beruf Lehrer" heute Nacht zwischen 23.15 Uhr und 0.45 Uhr. Nach Auffassung der Programmplaner ist das die Zeit, in der Lehrer, Schüler und Eltern am aufnahmefähigsten sind. Im Übrigen handelt es sich ja gerade nicht um ein Top-Thema. Wichtig ist nur, was knallt. Diesbezüglich ist auf dem Bildungssektor seit Wochen nichts los. Es waren ja Ferien.

 

Gegen seelische Verwahrlosung

Natürlich gibt es für die Platzierung Argumente. Man kann sie in jeder TV-Illustrierten nachlesen. Zur besten Sendezeit hat die ARD ausschließlich unverzichtbare Produktionen von enormer gesellschaftlicher Relevanz anzubieten: Vorgestern lief um Viertel nach Acht eine fluffige Familienserie, gestern Fußball Champions League. Heute gibt es noch einen juxigen Krimi, morgen eine gedankenfreie Pferde-Oper, übermorgen zur intellektuellen Ertüchtigung mal wieder eine Schmonzette, am Sonnabend den "Musikanten-Dampfer" und am Sonntag einen "Tatort". Der Bildungsauftrag lässt sich anscheinend unmöglich in der Prime Time und schon gar nicht am noch konsequenter durchtrivialisierten Vorabend erfüllen. Folglich muss diese heiligste Mission des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in die Nacht versenkt werden. Im vorliegenden Fall geschieht das vielleicht auch aus Scham darüber, dass exakt diese Programmpolitik auch ein Teil des Problems ist, das "Beruf Lehrer" so eindrucksvoll beschreibt.

 

Das Spektakulärste am Film von Wilma Pradetto und Thomas Schadt ist seine Unaufgeregtheit. Er führt seine Protagonisten nicht als entnervte Wracks vor. Nein, das sind Pädagogen, die mit ihrer Arbeit mehr erreichen wollen, als einfach nur psychisch und physisch zu überleben. Diese Lehrer sehen sich nicht hoffnungslos enthemmten Bestien gegenüber, sondern Kindern, in denen noch einiges zu bewirken ist, auch wenn das mit den Jahren schwieriger geworden ist.

 

Da erzählt eine Deutschlehrerin, wie wichtig bequeme Kleidung und gutes Schuhwerk seien, um sich vor der Klasse sicher zu fühlen, buchstäblich einen guten Stand zu haben: "Die Schüler spüren es, ob du selbst schwach bist, und die hauen dann in diese Schwäche rein." Da ist der Mathe-Lehrer, der seinen Schülern erst einmal mühsam verklickern muss, dass Sonnenblumenkerne kein "Kanakenfutter" sind. Auch die Schulleiterin kämpft gegen das der seelischen Verwahrlosung entspringende umgangssprachliche Elend. Sie erklärt Fünftklässlern, dass "Mutterficker" und "Hurensohn" durchaus keine landesüblichen Anreden sind.

 

Eine Hauswirtschaftslehrerin ringt darum, gelangweilte Pubertierende mit Küchengeräten und guten Manieren vertraut zu machen. Fernab jeder Lehrbuchpädagogik, mit Rezepten aus "Revolverblättchen" und den handfesten Methoden einer erprobten Hausfrau: "Ich erhebe die Stimme, wenn der Tisch nicht richtig gedeckt ist".

 

"Beruf Lehrer" ist eine jener "gutgemachten altmodischen Reportagen", wie sie Autor und Grimme-Preisträger Thomas Schadt selbst vor einem halben Jahr in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung eingefordert hat: von sich, seinen Kollegen und den Programmplanern. Der Filmemacher beklagte den qualitativen Niedergang der TV-Dokumentationen, den Rückzug auf seifigste Formen, oberflächliche Emotionalisierung und die Vernachlässigung journalistischer Tugenden. Schadt sagte: "Die Frage ist doch: Gibt man dem einfach nach? Oder sagt man, nein, wir haben auch den Auftrag, zu einer guten Sendezeit im Hauptprogramm Dinge zu senden, die das Bewusstsein der Deutschen noch erweitern."

 

Die ARD hat sich für Ersteres entschieden.

 

Beruf Lehrer, 23.8.2006 - 23:15 Uhr, ARD


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